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Betrachtungen zu einer großen Zivilisation, Alltägliches, Wirbelsäule und Kunst

Updated: Apr 27, 2023



Dunst in Gizeh, in den Straßen, den Gassen und auf dem großen Plateau. Die uns zugewandte Cheops Pyramide ist undeutlich zu erkennen. Die Chephren- und Mykeriospyramide, die kleineren Königinnenpyramiden und der Sphinx als Wächter sind nur noch Schemen, obwohl sie nur wenige hundert Meter vor uns liegen. Ist es der Sand der Wüste, die das Niltal von Westen und Osten einfasst? Diese Sandkristalle, die ständig in unterschiedlicher Dichte in der Luft schweben, führten auch dazu, dass die Bauwerke und Skulpturen immer wieder frei gelegt werden mussten.


Dieser helle, sonnenbeschienene, milchige Dunst umschliesst die Stätte und mystifiziert sie, oder ist es nur mein Eindruck?


Bei der Wahl des Ortes für ihre Todes- und Wiedergeburtsstätten werden sich die Pharaonen der 4. Dynastie mit ihren Priestern und Mystikern beraten haben. Dann fiel die Wahl auf diese Hochebene, die mit diesen Bauwerken eine weitere kosmische Qualität erlangte. Mit jeder Pyramide verstärkte sich dieser Anspruch.


Kontrast und Anspruch

Unterhalb des Plateaus liegt das neue Gizeh. Ein Teil dieser Bebauung soll in Zukunft abgerissen werden, um dem Gelände noch mehr Raum zu geben und weiter zu graben für die Erforschung der eigenen und der Menschheitsgeschichte.

Das neue Gizeh ist voller vielspuriger Straßen, Lärm, Leben und Moscheen. Die Rufe der Muezzins vervielfachen sich fünfmal am Tag und Freitags wetteifern die Prediger der Moscheen um die Zuhörerschaft. Von meinem Standort aus kann man die Intensität der Predigten gut unterscheiden.

Auch christliche Kirchen in ihren zahlreichen Ausprägungen sind hier vertreten.

Beim Blick auf die viel älteren Kulturen auf dem Plateau wird der Ausschliesslichkeitsanspruch manch jüngerer Religion wie von selbst relativiert.

Dies wird wahrscheinlich auch Jean-Francois Champollion empfunden haben, als er, der Dechiffrierer der Hieroglyphen, in Karnak die Inschriften las und feststellen musste, dass der Glaube an ein Weiterleben nach dem Tod oder die Jungferngeburt tausende Jahre älter sind als der christliche Glaube und frühere Erzählungen vom Christentum übernommen wurden.

Ich möchte hier nicht die Existenz Gottes anzweifeln, aber die Ausschmückungen der Entstehungsumstände der Religionen sind natürlich in Frage zu stellen. Das Zentralproblem ist auch nicht die Existenz oder Nichtexistenz Gottes, sondern die Vehemenz mit der die einzelnen Religionen ihre Glaubens- und Lebensansprüche als Gewissheit darstellen und ein absolutes Lebenskonzept einfordern und kontrollieren und damit tief in die Existenz der Einzelnen und der Gemeinschaft eingreifen. Nicht nur nach John Stuart Mills ist hier Zweifel geboten.

Da sich die Welt aber so darstellt wie sie ist, ist eine Diskussion darüber sinnlos.


Der Sound Kairos - das Hupen



Zurück zum Lärm in Gizeh, Kairo und jeder anderen von uns besuchten Ortschaft im Niltal.

Wesentlich zum hohen Pegel trägt das unentwegte Hupen bei. Gehupt wird in folgenden Situationen: Motorradfahrer hupen durchgängig, um auf sich aufmerksam zu machen, ein Überlebenshupen. Da die Fahrspuren als solche nicht wahrgenommen werden und viele Fahrzeuge eng aneinander vorbeifahren, oder sich durch ständigen Wechsel queren, wird auf sich aufmerksam gemacht, wenn sich die Fahrzeuge zu nahe kommen. Immer gehupt wird wenn Fahrzeuge mit überschüssiger Geschwindigkeit von hinten kommen und rechts oder links überholen wollen. Ein häufiges Phänomen ist das rechts oder links Abbiegen aus der jeweils äußeren anderen Spur; eigentlich wollen dann vier oder fünf Reihen gleichzeitig die Richtung in ein- oder zweispurige Auffahrten ändern. Der Verkehr wird ungeheuer langsam und gerät zum Dauerhupen, zumal die innere Spur von parkenden Kleinbussen, die auf ihre Mitfahrer warten versperrt wird.


An diesen langsamen Stellen überqueren auch Fussgänger die Straße, sogar ziemlich sicher. Schwieriger ist die Überquerung zehnspuriger Schnellstraßen. Es kommt dennoch immer vor, wie auch der Gegenverkehr dort. Auch dann wird gehupt. Alles in allem ist der Verkehr zwar chaotisch, aber relativ langsam und auch wenig aggressiv. Das führt zwar zu reichlich Blechschaden, aber im Vergleich zu überschaubaren Verkehrstoten. Diese Rate ist gerade einmal doppelt so hoch wie in Deutschland, und wesentlich niedriger als in der Bundesrepublik der 70er Jahre. So sind unsere zwei Totalschäden mit parkendem Auto eher ein bedauerlicher Zufall.


Noise and Choice


Lärm kommt aber aber auch aus den vielen Musikboxen, den Fahrzeugen und den Cafés. Selten ist man nur einer Geräuschquelle ausgesetzt. Musik, oder wahlweise Koranzitate und Fernsehübertragungen gleichzeitig zu hören, ist eigentlich Standard.

Hinzu kommen dreirädrige Fahrzeuge mit Lautsprecherverstärkung, die entweder krächzend Ware anbieten, oder eben den Koran zitieren.

Zu den Gebetszeiten hört man nicht nur den lokalen Muezzin, sondern auch aus Mobiltelefonen einen Zweiten, möglicherweise aus einer Koran-App.

Neben diesem Geräuschteppich kommen noch die direkten Ansprachen. Wahlweise hallo my friend, Welcome to Egypt oder Fuck you. Das letzte allerdings mehrheitlich von Adoleszenten, die müssen so sprechen, wegen der street credibility.

Apropos Alter, der Rücken



In Gizeh haben wir gezwungenermaßen eine Woche verbracht. Bereits zu Beginn unseres Laufs hatte ich unabhängig von unseren anderen kleineren Unwägbarkeiten mit Rückenschmerzen zu kämpfen, die sich zu annähernder Bewegungslosigkeit auswuchsen.


Der behandelnde Orthopäde im As-Salam Hospital Dr. MESBAH begrüßt mich wie einen alten Bekannten und ich nehme Platz. Ich gebe ihm die Röntgenbilder und die des MRI und er beginnt über das ganze Gesicht zu strahlenQ: „You have a very bad spine“, sagt er und lacht. Auf dem Gebiet ist er zu Hause, und er hat wohl seit einiger Zeit nicht mehr so klare Bilder des Verfalls gesehen.

Kurz: Degenerative Bandscheiben überall, Arthrose in umfangreichen Bereichen und veränderte Lagen der Wirbel 4 und 5.

Behandlung entweder chirurgisch mit Fixierung der Wirbelsäule und Aufbau der Zwischenräume, oder erst mal konservativ mit Medikamenten, Physiotherapie und wenn nötig Spritzen direkt an der lokalen Stelle der Wirbelsäule.

Da ich nicht beabsichtige, länger in Ägypten zu bleiben, werde ich konservativ beginnen.

Ich muss also immer damit rechnen, einen Rückfall zu erleiden. Gegen die heftigsten Schmerzen haben wir Ampullen mit Painkillern dabei.

Die ersten drei Tage der intensiven Schmerzen werden mir noch lange in Erinnerung bleiben.

Nachdem wir zunächst entschieden hatten, unsere Reise gleich abzubrechen, wird sie nun doch bis Mitte April weiter gehen. Bei der Wahl zwischen Schmerzen und tiefer Depression habe ich mich für die Schmerzen entschieden.

Art and Kart


Nachdem ich mich wieder mehr als fünf Meter bewegen konnte, ohne mich direkt wieder hinlegen zu müssen, haben wir mit Hilfe von Produkten der Pharmaindustrie auch einige Ausstellungen in Kairos Zentrum besuchen können. Erst wollten wir das Museum für Moderne Kunst besuchen, das aber derzeit geschlossen ist. Dieses Museum befindet sich in einem Kunstkomplex zusammen mit der Oper von Kairo, einem Geschenk der japanischen Regierung, neben der großen Musikbibliothek und dem Skulpturenmuseum, das im Moment eine Ausstellung über Bildhauerei aus den Jahren 2022/2023 mit dem Titel ¨The third Sculpture Salon 2023¨ zeigt. Einige Beispiele finden sich unter diesem Artikel.

In der sich neben dem Museum für Moderne Kunst befindlichen Al Bab-Selim Gallery stellt die Künstlerin Sahar Dourgham derzeit ihre Malereien aus.

In der Townhouse Gallery, einem auf mehrere Gebäude verteiltem Komplex mit industrieller Anmutung in der Kairoer Innenstadt, sind eine Doppelausstellung des Malers Dirar und des Konzeptkünstlers Maher Diab zu sehen und eine Gemeinschaftsausstellung zum Thema Verkehr.

Abdou, ein Dokumentarfilmer aus Kairo, hat uns zu seinem Themenbeitrag ein Interview gegeben, das Ihr auf unserer Seite sehen könnt.

Einige Fotos zur Dokumentation könnt Ihr auf der Bilderleiste sehen.



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